Trauma und geistige Behinderung

 

Menschen mit einer geistigen Behinderung sind traumatischen Ereignissen in einer besonderen Weise ausgesetzt. Es fehlen häufig die kognitiven Strukturen, um das  extrem bedrohlich Erlebte nachträglich zu verstehen, einzuordnen und dadurch zu bewältigen. Der Begriff des „Traumas“ muss in Bezug auf Menschen mit geistiger Behinderung vielleicht erweitert betrachtet und durch den Begriff des „Schreckens“ ergänzt werden.

Es können Todesfälle von nahen Verwandten, Trennungen der Eltern oder von den Eltern,  operative Eingriffe, sexuelle Übergriffe, körperliche Gewalt, Unfälle und vieles mehr so wenig verkraftbar sein, dass in dem betroffenen Menschen ein dauerhaftes Leiden entsteht.

Dieses Leiden kann sich vielfältig zum Ausdruck bringen. Leider werden die verschiedenen Ausdrucksformen häufig als „behinderungsspezifisch“ eingeschätzt:

 

point soziale Rückzüge, – mehr oder weniger plötzlich

point völliger Verzicht auf Sprache oder auf gemeinschaftliche Aktionen

point unvermittelte aggressive Durchbrüche, lautes Schreien oder Selbstverletzungen

point erlernte Fähigkeiten werden plötzlich nicht mehr genutzt

point die Bindung an und die Abhängigkeit von den betreuenden Person erhöht sich scheinbar ohne Grund extrem

point vertraute  Wege oder Rituale sind plötzlich angstbesetzt und müssen um jeden Preis gemieden werden

 

Die  Aufzählung lässt sich beliebig weiterführen.  Klaus Hennicke schreibt 2012 über eine signifikante Erhöhung der Risiken für traumatisierende Lebenserfahrungen bei Menschen mit geistiger Behinderung.

Es bedarf also innovativer und einfühlsamer Wege,  diesen neuen Erkenntnissen gerecht zu werden.

 

Traumazentrierte Beratung von Menschen mit

geistiger Behinderung

 

ermöglicht neue Blickwinkel auf das als problematisch wahrgenommene  Verhalten des geistig behinderten Menschen. Wir betrachten uns als Begleiter, die sich mit dem Klienten gemeinsam auf die Suche machen nach dem „guten Grund“ für seine schwierigen Verhaltensweisen. Wir begeben uns damit auch auf die Suche nach einem auslösenden „Schrecken“ oder dem nicht verkraftbaren Ereignis, das den geistig behinderten Menschen, vielleicht nur in Teilen, vielleicht aber auch gänzlich seiner inneren Sicherheit beraubt haben könnte.

Dann geht es darum, die verlorene Sicherheit so weit als möglich wieder herzustellen. Der Weg dahin kann lang, die Schritte müssen klein sein und für den, der sie geht überschaubar bleiben. Erforderlich sind individuelle und empathische Zugänge sowie vielfältige und konkrete Methoden, den Menschen mit geistiger Behinderung an seine Stärken und Bewältigungsmöglichkeiten heranzuführen.

Wir begleiten die Weiterentwicklung der Selbstwirksamkeit, der Kraft, die uns Menschen spüren lässt, dass wir nicht (in jeder Hinsicht) abhängig und schutzlos sind. Je näher wir diesem Ziel kommen, desto nachhaltiger kann der Mensch mit geistiger Behinderung sein „Problemverhalten“ reduzieren.

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